Digital Companion für intelligente Beratung und interaktive Erfahrung

Braucht Pflege Digitalisierung? Und wenn ja, wie kann sie gelingen?

Veranstaltungsrückblick „Symposium Pflege digital“, 18. November 2021

Vor einem Monat wurden die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung in der Pflege mit Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft, Praxis und Gewerkschaft auf dem Symposium Pflege digital diskutiert. Anlass war der Abschluss mehrerer INQA-Förderprojekte, die bei der bundesweiten online-Veranstaltung ihre Forschungsergebnisse einem interessierten Publikum vorgestellt haben.

Als Nachfolgeprojekt von PFL-EX präsentierten Dr. Vanessa Kubek und Dr. Frank Eierdanz den 170 Teilnehmer*innen dabei auch den aktuellen Stand des Digital Companion, welcher nach Fertigstellung Pflegeeinrichtungen in einer partizipativen, strukturierten und bedarfsorientierten Digitalisierung unterstützen soll. Präsentationen und Workshops zu drei weitere INQA-Projekten komplettierten das Programm, so dass das Thema Digitalisierung in der Pflege anhand sehr unterschiedlicher Fragestellungen und Anwendungsbereiche betrachtet werden konnte: Spracherkennung in der Pflegedokumentation, Digitalisierung im klinischen Bereich sowie die Erprobung des Einsatzes von Exoskeletten bildeten neben dem Projekt DiCo ein breites Themenspektrum.

In einer eröffnenden Gesprächsrunde mit Fabian Langenbruch (Bundesministerium Arbeit und Soziales), Dr. Marlen Melzer (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) und Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler (Institut für Gesundheitsforschung und Bildung) wurden zentrale Fragestellungen zur Digitalisierung in der Pflege diskutiert, deren Kernaussagen hier auszugsweise vorgestellt werden sollen.

Pflege braucht vieles: eine gute Bezahlung, vernünftige Arbeitszeiten, eine moderne Arbeitskultur, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben – zusammengefasst gute Arbeitsbedingungen. Digitalisierung kann ein Baustein sein, um die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern.

Fabian Langenbruch,
Leiter der Unterabteilung für Arbeit und Soziales im BMAS

Wofür braucht es Digitalisierung in der Pflege?

Die physische und psychische Belastung in der Pflege ist hoch. Ein wesentlicher Auslöser dafür ist, nach Datenerhebungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, der hohe Zeitdruck in der Pflege. Digitalisierung kann diese Situation entschärfen, sofern sie zur menschengerechten Verbesserung beiträgt. Dafür müssen digitale Technologien in die sozialen- und Arbeitsprozesse eingepasst werden. Das bedeutet, der Ausgangspunkt bei soziotechnischer Innovation muss immer die Pflege und nicht die Digitalisierung sein. Digitale Technologien sind kein Selbstzweck und müssen die Pflege verbessern sowie dafür sorgen, dass beruflich Pflegende bei ihrer Arbeit gesund bleiben können. Dies betrifft neben einer zeitlichen Entzerrung durch digitale Technologien auch andere Einsatzbereiche, die etwa der körperlichen Entlastung Pflegender dienen.

Digitalisierung der Pflege muss in der Ausbildung beginnen. Allerdings sollte sie nicht lediglich anwendungsbezogen betrachtet werden, indem der Umgang mit Technologien vermittelt wird. Vielmehr sollte der reflektierte Umgang beim Einsatz digitaler Technologien im Mittelpunkt stehen. Dabei müssen ethische Fragestellungen, Fallentscheidungsfragen, möglicherweise ökonomische und fachliche Fragen in einen Aushandlunsgprozess gebracht werden. Pflegende müssen abwägen können, bei welchen Tätigkeiten Technologien tatsächlich sinnvoll eingesetzt werden können.

Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler,
Leitung Lehrstuhl Pflegewissenschaft, Institut für Gesundheitsforschung und Bildung Universität Osnabrück

Derzeit ist Digitalisierung in der Pflege nach Einschätzung von Prof. Dr. Hülsken-Giesler insbesondere auf verwalterische Tätigkeiten wie etwa die Pflegedokumentation ausgerichtet. Diese Technologien würden den Anforderungen der Verwaltungsabläufe gerecht werden, zielen jedoch nicht auf die Kernprozesse der Pflege ab. Hier lokalisiert Prof. Dr. Hülsen-Giesler noch zu selten genutzte Potenziale zur Digitalisierung in der Pflege: Pflegearbeit ist im Kern eine körpernahe, interaktionsbasierte Beziehungsarbeit. Sie ist wissensbasiert und beruht u.a. auf Informationen aus der Biografie und Präferenzen der Klient*innen. Das vorgestellte INQA-Projekt Expertise 4.0 zur Nutzung von Exoskeletten ist ein gutes Beispiel, wie Digitalisierung bei den pflegerischen Kerntätigkeiten unterstützen kann.

Herausforderungen bei der Digitalisierung in der Pflege

Der digitale Reifegrad in der Pflege ist je nach Organisation unterschiedlich ausgeprägt, im Vergleich zu anderen Branchen jedoch verhältnismäßig gering. Darauf weisen erste Erhebungen hin, auch wenn diesbezüglich kein systematisches Monitoring in Deutschland existiert. Digitalisierung in der Pflege bedeutet vielerorts erst einmal, dass die Voraussetzungen geschaffen werden müssen wie etwa ein stabiles WLAN, um später über den Einsatz neuer vernetzter Systeme nachdenken zu können.

Ist diese „Basisdigitalisierung“ geleistet, beansprucht Digitalisierung erst einmal Zeit bevor durch sie Zeit gespart werden kann. Die Einführung digitaler Technologien ist ein komplexer, langwieriger Prozess: die Erarbeitung von Digitalisierungskonzepten, die Implementierung der Technologien, die Weiterbildung der Mitarbeitenden usw. Jedoch gerade Zeit ist, wie eingangs erwähnt, eine mangelnde Ressource. Der Digital Companion kann nach seiner Fertigstellung Ende 2023 Einrichtungen helfen, zielorientiert und strukturiert diesen Prozess zu durchlaufen. Unterstützend können auch gute Beispiele aus der Praxis Hinweise geben, was zu beachten ist, damit Digitalisierung gelingen kann. Aber gerade weil Digitalisierung immer auf die spezifischen Anforderungen der jeweiligen Organisation abgestimmt sein sollte und sich nicht 1 zu 1 übertragen lässt, benötigt sie initial erst einmal Zeit. Erbringen digitale Technologien nach erfolgreicher Einführung schließlich einen Zeitgewinn, verbessern sie nur dann die Arbeitsbedingungen, wenn die gewonnene Zeit nicht zu Umschichtungen und Personaleinsparungen genutzt wird.

Eine weitere Herausforderung ist, möglichst frühzeitig alle zu involvieren, die später mit den Technologien agieren. Hierfür fehle häufig die Offenheit der Geschäftsleitung, Digitalisierung gemeinsam mit den Beschäftigten zu entwickeln, so Dr. Marlen Melzer. Werden beispielsweise Investitionen in Technologien nach einem Messebesuch im Alleingang getätigt, überrascht es wenig, wenn sie nicht optimal auf existierende Arbeitsprozesse abgestimmt sind und ungenutzt bleiben. Es benötige laut Fabian Langenbruch einer entsprechenden Haltung auf Führungsebene, um Digitalisierung tatsächlich partizipativ zu gestalten. Dieser Aspekt wurde in der Planung des Digital Companion insofern berücksichtigt, dass das Assistenzsystem die Initiator*innen des Digitalisierungsprozesses auf die unterschiedlichen Nutzergruppen, die involviert werden sollten, aufmerksam macht und diesen informative und spielerische Angebote bereitstellt.

Warum braucht die Pflege geförderte Forschungsprojekte?

Die Überlastungssituation in der Pflege wurde durch die Coronapandemie wie durch ein Brennglas besonders verdeutlicht. Es brauche staatlich geförderte Experimentierräume, weil Innovations- und Reflexionsräume in dem derzeitigen System nicht bereitgestellt werden, so Prof. Dr. Hülsen-Giesler. Anstelle einer punktuellen Förderung wäre es noch besser, das Problem systemisch zu betrachten. Zentral dabei sind die Arbeitsbedingungen: Was motiviert Personen, sich für die Arbeit in der Pflege zu entscheiden, was hält sie im Job und wie können ausgestiegene Pflegende wieder für ihren Beruf zurückgewonnen werden.

Geförderte Experimentierräume schaffen Freiräume. Sie ermöglichen herauszufinden, inwiefern Digitalisierung Arbeitsprozesse verbessern kann.

Experimentierräume können sie dabei unterstützen, Beteiligungsprozesse in Einrichtungen überhaupt erst systematisch durchzuführen. Ziel ist es, mit den Experimentierräumen Erkenntnisgewinne zu generieren, diese in die Fläche zu bringen und auch branchenübergreifende Transfermöglichkeiten in den Blick zu nehmen.

Dr. Marlen Melzer,
stellvertretende Gruppenleiterin „Arbeitsgestaltung bei personenbezogenen Dienstleistungen“,
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Wenn Sie neugierig geworden sind und am 18. November 2021 nicht auf dem Symposium Pflege digital dabei sein konnten, haben Sie nun die Möglichkeit, den aufgezeichneten Live-Stream der Eingang- sowie Abschlussdiskussion, die Projekt-Präsentationen sowie Workshops auf der Homepage der Veranstaltung einzusehen.

Auf der Seite finden Sie auch das Video zum DiCo-Workshop, in dem Ihnen Tom Zentek und Dr. Frank Eierdanz Einblicke in den aktuellen Entwicklungsstand des ersten Minimal Viable Products geben und Ihnen die Bedarfskategorien und Technologien in der Pflege vorgestellt werden:

Download – Symposium Pflege Digital (symposium-pflege-digital.de)